Binge-Watching: Was passiert, wenn man seine Lieblingsserie im Marathon sieht?

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Binge-Watching, auch Binge-Viewing oder Marathon-Glotzen genannt, ist das Ansehen von Unterhaltungs- oder Informationsinhalten über einen längeren Zeitraum, in welchem in der Regel eine einzelne komplette Serie durchgeschaut wird. Der Konsum von endlosen Stunden Fernsehen ist eine Art Grundnahrungsmittel der heutigen Medienkultur. Doch was genau passiert mit einem, wenn man an den Fernseher gefesselt ist? Und ist es gesund, endlose Stunden vor einem Bildschirm zu verbringen?

DIE PSYCHOLOGIE HINTER DEM BINGE-WATCHING

Der Grund, warum wir so gerne in die emotionalen Geschichten anderer Menschen (sogar fiktiver Menschen) eintauchen, lässt sich in nur einem Wort zusammenfassen – Empathie. Wir als Menschen haben die Fähigkeit, Gefühle in anderen wahrzunehmen, was uns in ihre Geschichten einbezieht und uns sogar helfen kann, die Dinge aus ihrer Perspektive zu sehen. Das ganze hat zwar einen gewissen Suchtfaktor, aber es erklärt noch nicht den Binge-Teil. Was genau passiert psychologisch, dass wir an den Fernseher gefesselt werden?

BINGE-WATCHING ALS ESKAPISMUS

Laut einer von Netflix in Auftrag gegebenen (und von Harris Interactive durchgeführten) Studie aus dem Jahr 2013 sahen 76% der Menschen Binge-Watching als Flucht vor ihrem stressigen Leben, ähnlich durch den Wunsch, der Realität durch Fiktion zu entfliehen (was im übrigen auch in guten Romanen passiert, allerdings werden bei Serien zusätzlich Bilder und Aktionen gezeigt, was die Realität vermeintlich eins zu eins abbildet und somit zu einem höheren Suchtpotenzial führt). Interessanterweise bindet diese Flucht aus dem Alltag die Zuschauer heutzutage in die Handlung ein und ist fesselnd.

DAS GEMEINSCHAFTSGEFÜHL

Als Binge-Watcher fühlt man sich einer Community zugehörig. Dieser Aspekt ist psychologisch sehr wichtig, wenn es um Binge-Watching geht. Menschen kommen zusammen, um sich gemeinsam Serien anzusehen und können anschließend darüber diskutieren. Man kann beliebte Serien weiterempfehlen und wiederum selbst Shows sehen, die bei anderen Menschen sehr beliebt sind (denke man nur mal an Game of Thrones).
In Ermangelung echter Charaktere, wie wir es besonders aus den Jahren 2020 und 2021 kennen, können die Serien-Charaktere Gesellschaft leisten. Oft kann man sich auch mit einem oder mehreren Charakteren identifizieren.
Serien schaffen weiteres Gemeinschaftsgefühl durch die sozialen Medien, kursierenden Memes und Online-Diskussionen. 

Streaming-Dienste und unsere Neigung zum Binge-Watching haben uns neue Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet, uns geholfen, neue Freunde zu finden, Menschen und Gruppen mit ähnlichen Interessen wie wir zu entdecken, uns andere Shows und Filme vorzustellen, die wir sonst vielleicht nie gesehen hätten, und uns das Gefühl gegeben, dass wir einer Gemeinschaft angehören.

HEDONISMUS

Binge-Watching bereitet schier Vergnügen, das durch das Eintauchen in eine Fantasiewelt ausgelöst wird, indem man selbst ein Teil verführerischer Fantasiegeschichten wird. Binge Watching kann in diesem Zusammenhang auch als Belohnung gesehen werden. An einem langen Arbeitstag kann das Versprechen am Abend ein paar Stunden der Lieblingssendung zu sehen alles (scheinbar) erträglicher machen.

INNERE BEFRIEDIGUNG

Gibt es etwas Schlimmeres, als eine Episode mit einem Cliffhanger zu beenden und nicht sofort herausfinden zu können, was als nächstes passiert? Diese Einstellung, Dinge zu wollen und sie jetzt zu wollen (sofortige Befriedigung), gepaart mit der Idee, dass wir es verdienen Dinge zu wissen wann immer wir wollen, trägt definitiv zum Binge-Watching bei.

Wir gucken am Ende einer Folge weiter, weil wir einen Abschluss brauchen und weil wir gespannt sind, was mit unseren Lieblingsfiguren passiert. Früher gab es keine Möglichkeit dazu und man musste sich unter Umständen eine ganze Woche gedulden, bis man die neueste Folge der Lieblingsserie schauen konnte. Heutzutage ist möglich und wir nutzen es voll aus. Doch was hat das für Konsequenzen?

KÖRPERLICHE FOLGEN VON BINGE-WATCHING

Binge-Watching-Effekte sind sowohl körperlich als auch psychisch.

Häufig treten Schlafprobleme auf (Schlaflosigkeit, schlechte Schlafqualität, Müdigkeit) aufgrund des Schlafmangels und der gleichzeitigen Sucht immer weiter zu gucken. Menschen mit Binge-Watch können möglicherweise nicht einschlafen, wachen nachts oder sehr früh am Morgen auf, ohne wieder einschlafen zu können. Wieso? Aufgrund der mentalen Stimulation (Erregung vor dem Schlafengehen), die die Menschen vor dem Zubettgehen wach hält. Interessanterweise widerspricht dies dem, was die meisten Leute beim Binge-Watching suchen, nämlich den Tag entspannt ausklingen zu lassen. Ein großer Schlafmangel ist daher bei Binge-Watchern nicht ungewöhnlich.

Gewichtszunahme und mangelnde körperliche Fitness sind weitere Symptome: ungesunde Lebensmittel und Snacks werden gerne beim Fernsehen nebenbei gegessen. Der Bewegungsmangel kann zu einem erhöhten Risiko für Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleibigkeit, chronischen Erkrankungen, Blutgerinnsel aufgrund schlechter Durchblutung, Wirbelsäulenbeschwerden, verringerte Lungenkapazität, Muskelschwund führen. 

Außerdem können Augenprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und kurze Aufmerksamkeitsspannen auftreten durch die ständige Videostimulation, die Binge-Watching bietet.

GESUNDES BINGE-WATCHING

Um die Kontrolle über das Autoplay zu behalten, sollten regelmäßige Pausen eingehalten werden. Dazu kann die exakte Anzahl an Folgen, die man sich ansehen möchte, vorab heruntergeladen werden. Wichtig ist auch die Qualität des Bildschirms, so sollte immer auf einem möglichst großen Bildschirm geschaut werden (nicht auf dem Smartphone) und ein Blaulichtfilter verwendet werden. Der beste Zeitpunkt zum Binge-Watchen ist der frühe Abend oder Wochenenden, damit man noch ausreichend Schlaf bekommt und sich nicht schlecht fühlen muss. Binge-Watching sollte außerdem nicht zur Prokrastination genutzt werden – und sollte ein Tabu sein, wenn andere wichtigere Dinge anstehen. 

Wichtig ist es auch, eine gesunde Haltung einzunehmen und möglichst zwischendurch den Körper zu stretchen oder sogar während der Serie Sport zu treiben. Während des Guckens sollten nur gesunde Snacks bereitstehen. 

FAZIT

Wer Binge-Watching verantwortungsvoll und durchdacht angeht, der kann regelmäßig Freude daran haben, sich einfach mal berieseln zu lassen und abzuschalten. 

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